| Lerninhalte |
Um 1900 entsteht eine neue Sehnsucht nach dem „natürlichen“ Körper. Die Lebensreform und eine sich formierende Körperkultur versprechen Befreiung von den Zwängen der industrialisierten und bürgerlichen Gesellschaft. Anhänger*innen der Reformbewegung praktizieren Gymnastik und FKK, ernähren sich vegetarisch und schwören dem einschnürenden Korsett ab. Besonderen Widerhall finden diese neuen Ideen im Tanz, wo Tanzpersönlichkeiten, zumeist eigenständige und eigenwillige Frauen, mit „natürlicher“ Bewegung experimentieren: Es entsteht der frühe Ausdruckstanz. Doch was ist eigentlich ein „natürlicher“ Körper? Und wovon soll dieser „befreit“ werden? Das Seminar untersucht die Spannungsfelder der Reformpraktiken zwischen Freiheit und Disziplin, zwischen Individualität und Gruppe, zwischen Emanzipation und Normierung. Besprochen werden Tänzer*innen wie Isadora Duncon, Rudolf von Laban oder Suzanne Perrottet, ebenso wie neu gegründete Orte, etwa die Gartenstadt und Gymnastikstätte Hellerau oder der Monte Verità.
Das Seminar untersucht anhand von Texten, Bildmaterial und einigen körperpraktischen Experimenten den Zeitraum zwischen 1900 und den späten 1920er Jahren und beleuchtet kritisch, inwiefern Teile der Reformpädagogik paradoxerweise anschlussfähig für nationalsozialistische Ideologien wurden. Gemeinsam analysieren wir schließlich auch Nachwirkungen in der Gegenwart: Wo begegnen uns Vorstellungen von Natürlichkeit, Authentizität, Körperoptimierung und einem „alternativen“ Leben heute und wo liegen ideologische Fallstricke im Diskurs um einen „natürlichen Körper“? |