Mit der Einführung ihres Begriffs in die philosophische Tradition durch Alexander Gottlieb Baumgarten, dessen Aesthetica 1750 erschien, wurde die Ästhetik zu einer allgemeinen Theorie der Sinne und der Wahrnehmung, die auch eine Lehre von der Wahrnehmung des Schönen und der Kunst beinhaltete. Die Verlagerung der Lehre vom Schönen, die in der Antike und im Mittelalter der Ontologie vorbehalten war, auf das Gebiet einer generellen Wahrnehmungslehre bereitete die Autonomie der ästhetischen Geltung gegenüber moralischen und theoretischen Geltungsansprüchen vor, wie sie später von Kant proklamiert wurde. Gleichzeitig kündigte sich in der Aesthetica bereits die „kopernikanische Wende” auf das Subjekt an, die auf dem Feld der Erkenntnistheorie ebenfalls von Kant vollzogen wurde. Nicht mehr das Schöne als objektive Eigenschaft von Dingen stand von nun am im Mittelpunkt der ästhetischen Theorie, sondern das die Schönheit von Gegenständen empfindende und beurteilende Subjekt.
Im Vergleich zur begrifflichen Erkenntnis des Wahren gilt die Wahrnehmung des Schönen bei Baumgarten zunächst als niederes Erkenntnisvermögen, als „gnoseologia inferior” und als „logica facultatis cognoscitivae inferioris”. Das Ästhetische erhebt hier erstmals den Anspruch auf eine der Erkenntnis analoge Geltung. Zugleich formulierte die Ästhetik aber auch eine Kritik am einseitig an den Methoden der Naturwissenschaften ausgerichteten Vernunftbegriff der neuzeitlichen, durch Francis Bacon und René Descartes begründeten Philosophie. Gegen den Wissenschaftspurismus der empiristischen und rationalistischen Philosophie klagt Baumgarten Sinnlichkeit und Phantasie als Konstituenten eines weiter gefassten Vernunftbegriffs ein. Gleichzeitig wendet sich die Ästhetik bei Baumgarten der Erkenntnis des Individuellen zu, das von der rationalistischen Philosophie vernachlässigt wurde. Die Ästhetik beerbte in dieser Hinsicht die Tradition der antiken Rhetorik, deren zentralen Begriffe von Baumgarten philosophisch transformiert werden.
Im Seminar lesen wir Baumgarten als genuinen Denker ganz eigener Art, also nicht als Vertreter der Leibniz-Wolff'schen Schulmetaphysik und auch nicht als Wegbereiter Kants. Ziel ist es, die (umfangreiche) Aesthetica in Gänze zu lesen. Im Mittelpunkt der Lektüre stehen drei Ambivalenzen des Textes, die sich vielen späteren Ästhetiken mitgeteilt haben:
1) Theoretische Ambivalenz:
Ästhetik wird als Disziplin begründet, um ein innerphilosophisches Desiderat zu beantworten. Sie ordnet sich damit der Erkenntnistheorie unter. Zugleich drückt sich in Baumgartens Text auch eine Autonomie des Ästhetischen aus. Das Ästhetische wird zum Ausgangspunkt und Instanz einer Erkenntnis(theorie)-Kritik.
2) Praktische Ambivalenz:
Mit den Mitteln der rationalistischen Philosophie fundiert die Ästhetik Baumgartens ein klassizistisches Programm der Einheit von Schönem, Wahren und Gutem, der sich das Subjekt zu fügen hat. Gleichzeitig wird Ästhetik wird zur Instanz der Selbstkultivierung eines eigensinnigen felix aestheticus.
3) Anthropologische Ambivalenz: Das Ästhetische wird von Baumgarten in manchen Passagen als Vermögen des Subjekts interpretiert und damit der Souveränität des Subjekts unterstellt. In anderen Passagen versteht er das Ästhetische eher als eine dem Subjekt widerfahrende, impersonale, das Subjekt entsouveränisierende Kraft.
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