| Literatur |
Bachmann, Michael: Der abwesende Zeuge. Autorisierungsstrategien in Darstellungen der Shoah. Wilhelm Fink, 2015. Dean, Carolyn J. The Moral Witness: Trials and Testimony after Genocide. Corpus Juris: The Humanities in Politics and Law. Cornell University Press, 2019. Deema D. / Albast, Lara: „Gaza Testimonies: Selections from the Letters of Deema D.“ Journal of Palestine Studies, Jg. 53, Nr. 4 (2024), S. 62–68. https://doi.org/10.1080/0377919X.2025.2451603. Felman, Shoshana / Laub, Dori: Testimony: Crises of Witnessing in Literature, Psychoanalysis, and History. Routledge, 1992. Fricker, Miranda: Epistemic Injustice: Power and the Ethics of Knowing. Oxford University Press, 2007. Krämer, Sybille / Schmidt, Sibylle (Hg.): Zeugen in der Kunst. Wilhelm Fink, 2016. Mukagasana, Yolande: Not My Time to Die: A Testimony. Übers. von Zoë Norridge, Huza Press, 2019. Sadr Haghighian, Natascha: Relearning Bearing Witness. n.b.k. Diskurs, Neuer Berliner Kunstverein, 2023. Sadr Haghighian, Natascha: Was ich noch nicht erkenne, jetzt in diesem Moment / What I Do Not Recognize Yet, Now at This Very Moment. Hg. von Tom Holert, Harun Farocki Institut – HaFI 019, 2023. Schuppli, Susan: Material Witness: Media, Forensics, Evidence. MIT Press, 2020. Tindemans, Klaas: „The (Im)Possibility of Theatrical Representation: Dramatizing the Rwanda Genocide.“ In: Tilmans, Karin / van Vree, Frank / Winter, Jay (Hg.): Performing the Past: Memory, History, and Identity in Modern Theatre. transcript, 2010, S. 183–195. Wieviorka, Annette: The Era of the Witness. Übers. von Jared Stark, Cornell University Press, 2006.
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| Bemerkung |
Das Seminar wird zweisprachig auf Englisch und Deutsch durchgeführt. Die Arbeits- und Diskussionssprache ist flexibel und orientiert sich an den Materialien und Beiträgen der Teilnehmenden. Auch audiovisuelle und textbasierte Materialien auf Französisch und Arabisch werden einbezogen und durch Übersetzungshilfen ins Deutsche oder Englische kontextualisiert.
Studienleistung: Wird zu Beginn des Seminars bekanntgegeben.
Prüfungsleistung: Essay (ca. 10 Seiten) und/oder performative Arbeit – z. B. Video, szenische Präsentation, Bild-Text-Format, installative oder dokumentarische Form.
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| Lerninhalte |
“I am not an actress, I am a survivor of the genocide in Rwanda. That is my new identity. What I am going to tell you is simply my life during six weeks of the genocide.” Mit diesen Worten eröffnet Yolande Mukagasana, Überlebende des Völkermords in Ruanda, die Performance Rwanda 94 des belgischen Kollektivs Groupov. In diesem Moment setzt sie die Frage in Szene, die dieses Seminar leitet: Was heißt es, Zeugenschaft zu üben – und sie zu empfangen? Welche Rolle spielen dabei Authentizität und Manipulation? Zeugenschaft wird in diesem Seminar als ästhetisch-politische Praxis verstanden: ein situierter Akt des Sprechens, Schweigens, Zeigens oder Sichtbarmachens, der sich in unterschiedlichen Dispositiven artikuliert – in performativen, juristischen, medialen oder künstlerischen Settings. Zeugenschaft ist kein neutraler Bericht, sondern ein Akt der Anrufung, der Gestaltung und der Adressierung – situiert, relational und konflikthaft. Sie beruht auf ethischen Entscheidungen, impliziert politische Positionierungen, mobilisiert ästhetische Formen und ist durchzogen von Machtverhältnissen. Zentrale Fragen sind: Wie lässt sich Zeugenschaft als performativer Akt von Wahrheitssprechung und Repräsentation denken – in Sprache, Bild, Körper oder Raum? • Welche ästhetischen Entscheidungen und ethischen Haltungen strukturieren das Verhältnis zwischen Ausdruck, Sichtbarkeit und Verletzbarkeit? • Wie wird Zeugenschaft rezipiert – als Hören, Sehen, Erinnern oder auch als Ablehnung? Welche Verantwortung entsteht im Moment dieser Adressierung? • Wie operiert Zeugenschaft als feministische, antikoloniale und widerständige Praxis – im Horizont politischer Positionierung, kollektiver Erinnerung und Formen der politischen Übertragung? Im Seminar analysieren wir künstlerische, performative, juristische und digitale Zeugnisse in Kontexten politischer Gewalt, kolonialer Kontinuität und struktureller Ausschlüsse. Theorie, Lektüre und performative Reflexion greifen ineinander: Zeugenschaft wird nicht nur analysiert, sondern als Handlung befragt – als Szene, in der sich auch unsere eigene Position als Rezipient:innen, Adressierte oder Mitzeug:innen situiert. Das Seminar versteht sich selbst als kollektive Praxis des Zeugens – ein Raum, in dem Hören, Antwort und Verantwortung gemeinsam erprobt werden.
Lernziele: - Kritische Analyse von Zeugenschaft als ästhetisch-politischer und situiert-performativer Praxis. - Reflexion der Bedingungen, unter denen Zeugenschaft geäußert, sichtbar gemacht, gehört oder disqualifiziert wird. - Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle als Adressierte, Rezipient:innen oder Mitzeug:innen. - Entwicklung eigener performativer Miniaturen, szenischer Skizzen oder medienbasierter Formate im Dialog mit Zeug:innenpraktiken.
Methoden • Analytische Auseinandersetzung mit dokumentarischen, szenischen und performativen Zeugenschaftsformaten • Theoriegeleitete Lektüre und gemeinsame Diskussion zentraler Texte aus Ästhetik, politischer Theorie und Performance Studies • Reflexive, praxisorientierte Übungen zur Erprobung eigener ästhetisch-performativer Zugänge
Meriam Bousselmi
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