| Literatur |
Wir lesen vor allem folgendes Buch:
- Yuriko Saito, Aesthetics of care. Practice in Everyday Life. London/New York 2023
Begleitend dazu beziehen wir uns auch auf Abschnitte folgender Texte:
- Iris Murdoch, “Die Souveränität des Guten über andere Begriffe”, in: dies, Die Souveränität des Guten, Berlin 2023, 93-120.
- Michel Foucault, “Zur Genealogie der Ethik: Ein Überblick über die laufende Arbeit.” In ders. Dits et Ecrits. Schriften, Bd. 4 (S. 747-775). Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
- Yuriko Saito, Everyday Aesthetics, Oxford 2007
- David E. Cooper, A Philosophy of Gardens, New York 2006
- Arnold Berleant, The Aesthetics of Environment, Philadelphia 1992
- Maria Puig de la Bellacasa, Matters of care: speculative ethics in more than human worlds, Minnesota 2017, University of Minnesota Press.
|
| Lerninhalte |
Im Seminar erkunden wir das Spannungsfeld von Sorge und Ästhetik. Soziale Praktiken der Sorge gehen immer auch mit einer sinnlichen Aufmerksamkeit einher, umgekehrt drücken sich in ästhetischen Einstellungen Formen der sorgenden Zuwendung aus. Ausgehend von der japanischen Philosophin Yuriko Saito untersuchen wir, warum care nicht nur als ethische, sondern auch als ästhetische Praxis beschrieben werden kann.
Für Saito ist „eine ästhetische Erfahrung letztlich eine moralische Praxis der Kultivierung des eigenen Selbst in seiner Interaktion mit der Welt“. In der ästhetischen Erfahrung werden wir uns unseres konstitutiven Bezogenseins auf andere, unseres In-Beziehungen-Seins, das unserem Selbstsein vorausgeht, inne. Ästhetik wird für Saito insofern zu einer Disziplin, die sich in vergleichbarer Weise auf Tugenden verwiesen sieht wie die Ethik. Saito spricht explizit von einer „Tugend-Theorie der Ästhetik“ . Zu tugendhaften Menschen werden wir nicht durch intellektuelle Einsicht in die Rechtfertigungsbedingungen moralischer Urteile, sondern durch Übung und Gewöhnung, durch ein permanentes Praktizieren tugendhafter Handlungen. Das betrifft nicht nur unser Verhältnis zu anderen Menschen, sondern auch zur Natur. Care bedeutet für Saito etwa, im Gärtnern „die Bedürfnisse der jeweiligen Pflanze, die nur auf einem bestimmten Boden und in einem bestimmten Klima gedeiht, zu berücksichtigen und unsere Pflegemaßnahmen entsprechend anzupassen, wobei wir manchmal eine kreative und phantasievolle Lösung finden müssen“. Saito bezieht sich hier u.a. auf Tachibana-no-Toshitsunas Sakuteiki, eine Ästhetik des Gärtnerns aus dem 11. Jahrhundert, in deren Zentrum die Maxime kowan ni shitagau steht, die sich mit „folge oder halte Dich an das Gebotene“ übersetzen lässt. Das Gebotene geht dabei von dem aus, was den Garten zum Garten macht, von Pflanzen und Steinen.
Auch zur materiellen Welt können und sollen wir aus Saitos Sicht eine Care-Beziehung unterhalten. Die japanische Kintsugi-Ästhetik, weist uns auf Haltungen hin, in denen wir etwas Zerbrochenes, ohne den Verlust zu trivialisieren, gleichwohl nicht betrauern, sondern als Chance einer Transformation begreifen. Im Kintsugi werden zerbrochene Keramiken mit Hilfe einer Mischung aus Naturlack und Goldstaub so zusammengefügt, dass die Reparatur sichtbar bleibt. Saito betont, dass Kintsugi verschiedene Formen sogenannter Beschädigungen in einer Weise behandelt, dass sie "in ihrer eigenen Würde oder Integrität“ sichtbar werden, also nicht länger an einem Maß der Normalität, der Vollständigkeit oder des Heilen gemessen werden. Sie schreibt weiter: „Das ästhetische Paradigma der sichtbaren Reparatur entzieht“ seinen Gegenstand „somit der Uniformität und betont die Individualität eines bestimmten Objekts und seine einzigartige Geschichte, indem es ein greifbares Zeugnis der Reparatur sowie den Wert und die Zuneigung zu dem Objekt präsentiert.“ Im Kintsugi wird der Mangel und der Bruch zugleich aufgehoben und affirmiert, er wird zur Öffnung, durch die hindurch etwas zuvor Unmögliches als Möglichkeit erscheint. Eine solche „Reparatur als Care-Arbeit“ kann für Saito nicht nur von uns Menschen ausgehen, im Gegenteil, wir selbst sind am meisten care- und reparatur-bedürftig; reparieren oder heilen kann uns nur die materielle, lebendige Welt, für deren Zuwendungen wir uns öffnen müssen.
Im Idealfall suchen wir im Seminar nach Wegen, Care, erwa im Gärtnern und Reparieren, auch praktisch zu erproben und unsere praktischen Erfahrungen für die Theoriearbeit zu nutzen.
|